La viaje de vida – Die Reise des Lebens

Unerwartet kam er nicht, dieser Moment, in dem sich die über ein Jahr ziehende Planung auszahlte. Und dennoch gehört er für alle zu diesen unvergesslichen Momenten im Leben, an die man sich auch noch nach Jahrzehnten gerne zurück erinnert. Dieser 28. Dezember 2016, als da plötzlich fremde Menschen aus einer fremden Welt vor der von Jetlag geplagten Reisegruppe aus Recke stand und sie begrüßte als würde man sich schon Jahre kennen. Dabei waren im Vorfeld nur ein paar Nachrichten per WhatsApp und Mail ausgetauscht worden. So richtig kennengelernt hatte man sich noch nicht, aber dafür war man ja schließlich auch nach Argentinien gereist. Doch wie zu jeder guten Geschichte, gehört auch zu dieser ein Anfang.

Vor mittlerweile vier Jahren nahm diese Geschichte ihren Lauf. Und ganz anders als im heißen Sommer Argentiniens, startet sie im deutschen, regnerischen Spätherbst. Die argentinische Austauschschülerin Agustina Perín ist zu Besuch in Recke, einer kleinen Gemeinde unweit von Münster und Osnabrück an der Grenze zu Niedersachsen. Agustina, die in Argentinien sogar in der U17-Olympiaauswahl mitschwamm, erkundigt sich nach einigen Tagen bei ihren Gasteltern, ob es Schwimmvereine vor Ort gäbe. Die Wahl fiel auf die Ortsgruppe der DLRG. Nach anfänglichem Beschnuppern fand sie Gefallen am Vereinsleben und fuhr  sogar mit in das jährlich stattfindende Jugendlager. Neue Freundschaften werden geknüpft. Der Herbst ging über in den Winter und das Frühjahr rückte näher und damit auch Agustinas Abschied. Auf ihrer Abschiedsfeier wurde über ihre Zeit in Deutschland gesprochen, gescherzt, getrunken und dann fallen die entscheidenden Worte: „Und nächstes Jahr kommen wir dich besuchen!“. Am Abend selber hatte das wohl niemand der Anwesenden so richtig ernst genommen, doch der Gedanke blieb hängen und so wurde ein erstes Planungstreffen anberaumt. Ole Stecker-Schürmann, einer der Hauptorganisatoren, erinnert sich zurück: „Die Resonanz auf die Aussicht nach Argentinien zu fahren und Agustina wiederzusehen, war riesig.“. Insgesamt kristallisierte sich eine Gruppe um neun Jugendliche der Ortsgruppe heraus. So schnell und fleißig wie die Gruppe angefangen hatte zu planen, stellten sich auch neue Herausforderungen in den Weg. Alle waren sich einig, dass eine Reise nach Argentinien nur Sinn mache, wenn man vor Ort einen argentinischen Rettungsschwimmverein als Partner gewinnen könne. Über hundert Vereine wurden insgesamt kontaktiert. Nur wenige meldeten sich zurück. Diese dann allerdings auch mit einer Absage. Einige Zeit ging ins Land und das Alltagsgeschäft der Ortsgruppe zog weiter seine Bahnen. Unter anderem stand auch eine Fortbildung der DLRG in Bremerhaven an. In den Pausen plauderte man natürlich auch über die eigenen Vorhaben der Ortsgruppen. Stecker-Schürmann ist das Bild noch bis heute im Kopf: „Ich erzählte also über die Schwierigkeit einen geeigneten Partnerverein zu finden, fragte ob nicht jemand zufällig Bekannte in Argentinien hat und plötzlich erzählte mir mein Gegenüber, dass er Kontakt zu Rettungsschwimmern in Mar del Plata, Argentinien habe. Ich konnte es kaum glauben und musste nochmal nachfragen.“. Dieser Gegenüber ist Jürgen Laudin, der den Kontakt letztlich auch herstellte. Überglücklich fuhr Stecker-Schürmann nach Hause und bei einem weiteren Treffen war der Kontakt bereits hergestellt. Der Club Atlético Once Unidos aus Mar del Plata, dem Meer an der Küste, so die wortwörtliche Übersetzung, war anfänglich zwar verdutzt, dass eine Handvoll Jugendliche aus Deutschland gerade sie besuchen kommen wollen, waren jedoch mit Fortschreiten des Projektes mit Herzblut dabei. Eine erste WhatsApp-Gruppe wurde gegründet. Es wurde sich beschnuppert; erste, vorsichtige Nachrichten auf Englisch wurden ausgetauscht. Nach ein paar Tagen merkte man: Die Chemie stimmt. Am 8. Juni 2016 wurden die Flüge gebucht. „Ab da gab es kein Zurück mehr“, erzählt Sabrina Tietmeyer, die ebenfalls mit nach Argentinien flog, lachend. Das Projekt umfasste aber weit mehr als nur die Planungstreffen. Die Zahlen sind gewaltig. Mehr als 1.000 Schriftstücke wurden einzeln aufgesetzt, 14 Planungstreffen fanden statt und acht Veranstaltungen wurden geplant, um Geld für die Reisekasse zu erwirtschaften. All das summiert sich auf eine Zahl von über 1.200 investierten Stunden für eine Reise, die 16 Tage gedauert hat. Man wollte nichts dem Zufall überlassen.

Am Morgen des 27. Dezember war es dann soweit. Mit leicht verschlafenen Augen, aber großer Vorfreude setzte sich die Gruppe bei 5° Celsius aus Recke in Bewegung. Erster Stopp Düsseldorf Flughafen. Dort war erst einmal Warten angesagt. Man war extra früh losgefahren, um auch mögliche Staus verkraften zu können. Der Hinflug über Madrid nach Buenos Aires verlief ohne Probleme nach Plan. Angekommen ging es dann per fünfstündiger Busfahrt nach Mar del Plata. Nach insgesamt 35 Stunden kam man erschöpft, aber überglücklich am Hostel an. Die Zimmer wurden in Bezug genommen. Und dann war er auch schon da, dieser Moment, in dem die Gruppe Jugendlicher vor der Tür des Hostels steht. „Das war schon eine wirklich komische Situation“, erinnert sich Jörn Unnewehr, ebenfalls Mitreisender, zurück: „Die Tür geht auf und plötzlich ist all das, wofür man zwei Jahre alles vorbereitet hat und viel Zeit investiert hat, in Erfüllung gegangen. Dieses spezielle Gefühl werde ich wohl niemals vergessen. Eine Mischung aus Freude, Zurückhaltung, Neugierde und Scheu. Ein absurder Mix.“. Nach einer kurzen Begrüßungsrunde tat der Jetlag sein Übriges und schnell waren alle im Bett verschwunden. Die folgenden Tage waren vollgepackt mit jeder Menge Unternehmungen. Gemeinsam mit den argentinischen Rettungsschwimmern erkundete man die Gegend, machte Ausflüge in Nationalparks, gemeinsam leistete man Wasserrettungsdienst an der argentinischen Küste, von der Mar del Plata insgesamt 38 Kilometer mit feinstem Sandstrand besitzt. Und jeder Abschnitt ist mit Rettungsschwimmern besetzt. Der Strand ist dabei in vielen Gebieten keineswegs überlaufen, so wie man es vielleicht aus dem Italienurlaub oder von Nord- oder Ostsee kennt, sondern oft sind es nur eine einige wenige, die sich in das durchaus kalte Atlantikwasser stürzen. Das erste Highlight war keine Frage der Jahreswechsel 2016/2017. Gemeinsam feierte man im Hostel und begrüßte das neue Jahr mit einem Sprung ins Wasser um Mitternacht. Auch der Hostelvater Louis, ein Kanadier, der sich mit der Eröffnung seines Hostels in Argentinien einen Lebenstraum verwirklicht hat, schloss die Reisegruppe schnell in sein Herz. Neben Land und Leute steht bei einer Reise natürlich auch das Essen des Ziellandes im Vordergrund. „Zuerst wurden wir landestypisch bekocht“ schmunzelt Tietmeyer. Das Asado ist eine festliche Grillmahlzeit, die zu besonderen Anlässen  für Gäste zubereitet wird. Das ungewöhnliche Mahl wurde im Nachgang abgerundet mit Dulce de Leche – dem argentinischen Nutella sozusagen. Das Süße der Milch, so die Übersetzung, besteht aus Milch, Zucker und Vanille und war für den europäisch geprägten Gaumen doch sehr gewöhnungsbedürftig. Genau genommen hat es an diesem Abend keinen deutschen Liebhaber gewinnen können. Am zweiten Kochabend bewirtete die deutsche Reisegruppe die argentinischen Freunde mit westfälischer Hochzeitssuppe, Frikadellen, Salzkartoffeln und Herrencreme. „Bei 28° auch für uns kein alltägliches Essen“ fügt Stecker-Schürmann witzelnd hinzu. „Den Argentiniern hat es aber sichtbar geschmeckt.“ Doch nicht nur beim Essen praltlen Kontraste aufeinander. Der Partnerverein ist mit über 4.000 Mitgliedern weitaus größer aufgestellt als die 550 Mitglieder umfassende Ortsgruppe. Neben Schwimmen wird auch eine weitere Palette von Sportarten wie Fußball, Handball, Basketball, Hockey, Laufen und Radfahren angeboten. All das findet in eigenen Räumlichkeiten statt. So verfügt der Verein über eigene Fußballplätze, eine Schwimmhalle, eine Mehrzweckhalle, Vereinsräumen sowie einem eigenen Fitnessstudio – das Rundum-Sorglos-Paket sozusagen. Das  gemeinsame Rettungsschwimmtraining war dann jedoch gar nicht so unterschiedlich. „Viele Übungen sind gleich und auch der Aufbau ähnelt unserem sehr stark. Da merkt man eben auch, dass alle Menschen auf der Welt gleich sind, ebenso wie die Techniken zur Rettung von Menschenleben“, sagt Unnewehr. In der Freizeit erarbeitete man in Workshops weitere Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dem Begreifen und dem Verständnis beider Kulturen wurde damit maßgeblich beigetragen. Eine Erkenntnis: Der argentinische Karneval ist dem Deutschen gar nicht so unähnlich, dafür wird aber mit künstlichem Schnee gefeiert. Den Abschluss der Reise bildete dann die Besichtigung der Hauptstadt Argentiniens: Buenos Aires. Außerdem stand da ja noch etwas auf dem Plan, das unbedingt erledigt werden wollte.

Der Grund, warum die Gruppe die Reise in erster Linie angetreten hat: Agustina zu besuchen. Das Wiedersehen ließ alte Zeiten aufleben. Man redete über Agustinas Zeit in Deutschland, ihr Medizinstudium in Argentinien und über das Leben. Am 12. Januar hieß es dann aber endgültig Abschied nehmen von Argentinien. Bei einem letzten Mate-Tee, dem Nationalgetränk Argentiniens, sprach man über die vergangene Zeit, tauschte Facebook-Namen aus und bei einigen kullerte auch das ein oder andere Tränchen. Eine wunderbare, zusammenschweißende Zeit ging zu Ende. Für viele das bislang größte Abenteuer ihres Lebens.

 

An dieser Stelle könnte die Geschichte eigentlich ihr wohlverdientes und von Erfolg gekröntes Ende finden, doch nachdem die Reisegruppe nun Argentinien besichtigt hat, wollen die argentinischen Freunde nun auch Deutschland erleben. „Nach Ankunft im kalten, regenverschneiten Deutschland war uns schnell klar, dass dies nicht das Ende des Austausches sein kann und soll“ sagt Tietmeyer mit Nachdruck. Wieder wurde geplant, wieder wurde sich zusammengesetzt, wieder flossen unzählige Stunden in die Vorbereitung. „Der Kreis derer, die von Seiten der DLRG an dem Jugendaustausch teilnehmen möchten hat sich durch den Punkt, dass er nun quasi vor der Tür stattfindet, enorm erweitert“, sagt Stecker-Schürmann zufrieden. Ein Programm wird ausgearbeitet. Zunächst sollte der Heimatort der Ortsgruppe mit all seinen Bräuchen, Vereinen und Gegebenheiten in den Vordergrund gestellt werden, danach steuerte die Gruppe auf Berlin zu, um von dort nach Grömitz zu fahren und gemeinsam einen Wasserrettungsdienst an der Ostseeküste zu absolvieren. Sozusagen als Pendant zum gemeinsamen Wasserrettungsdienst in Mar del Plata. Nach über einem Jahr Planung landen dann am 26. Mai 2018 vier argentinische Jugendliche in Frankfurt am Main. „Es ist als würde man alte Freunde wiedertreffen und genauso fühlt es sich auch an“ erinnert sich Tietmeyer mit einem breiten Grinsen auf ihrem Gesicht zurück. Die argentinischen Gäste, im beschaulichen Recke in Familien von Teilnehmern untergebracht, gewöhnten sich schnell an Land und Leute. Das deutsche Essen, vor allem die weltweit bekannten Klassiker wie Bratwurst oder Sauerkraut stoßen auf viel Begeisterung. Ähnlich wie in Argentinien fanden auch in Deutschland Workshops statt, um sich und die verschiedenen Aspekte der Kulturen noch eindringlicher und umfassender kennenzulernen. Am Abend vor der Reise nach Berlin wurde selbstverständlich auch ein gemeinsames Rettungsschwimmtraining abgehalten. In der geschichtsträchtigen Hauptstadt Deutschlands standen neben den Berliner Sehenswürdigkeiten wie dem Reichstag, dem Holocaust-Mahnmal, dem Brandenburger Tor, der East Side Gallery und vielen kleineren und größeren Touristenmagneten auch eine Führung durch die Berliner Unterwelten und die verborgene Tunnel- und Bunkerlandschaft auf dem Plan. Die beeindruckende Erzählweise der dänischen Führerin nahm alle in den Bann der unglaublichen Unterwelt. Vieles von dem, was Berlin erlebt hat – Zweiter Weltkrieg, die Teilung Deutschlands, die Tunnelfluchten, der Kalte Krieg – wird mit Ausklang der Tage in Berlin oftmals noch einmal beleuchtet und hinterfragt und Parallelen zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hergestellt. Insgesamt merkte man bei diesem zweiten Aufeinandertreffen, dass es keine Fremden, sondern vielmehr Freunde sind, die sich nun unterhalten. So wurde in manchen Gesprächen auch mal das ein oder andere private Thema angeschnitten. Schweren Herzens wird Berlin nach drei Tagen der Rücken zugewandt und die Gruppe steuerte auf der A24 Grömitz entgegen. Der Mikrokosmos des Ostseebades ließ die Gruppendynamik noch einmal richtig aufleben. So waren nicht genug Betten vorhanden und ein großer Teil der Gruppe übernachtete gemeinsam in einem großen Mannschaftszelt und auch die gemeinsamem Abende nach dem Wasserrettungsdienst boten jede Menge weitere Zeit, sich näher kennen zu lernen. Während des Aufenthalts in Grömitz wurden auch die Seenotretter besucht und ihr Schiff inspiziert. Am letzten Abend erhielten alle standesgemäß dann noch ihre Taufe als Rettungsschwimmer mit dazugehöriger Mutprobe. In diesem Fall durften die Kandidaten mit Senf gefüllte Schokoküsse genießen. Zweifellos der absurdeste Geschmack während des Jugendaustausches. Zurück in Recke wurden die letzten Tage verbracht. Gemeinsam wurde Brot gebacken oder das Angebot eines deutschen Groß-Supermarktes in Augenschein genommen. Der Abschied fiel dann mindestens genauso schwer wie der in Argentinien. Und jeder Teilnehmer weiß, dass er nun neue Freunde in der anderen Hemisphäre der Welt hat.

Autor: Maximilian Geier